Hallo, ADHS.
Eigentlich wollte ich über KI schreiben …
Ich möchte heute meine Gedanken der letzten Wochen mit euch teilen. Vielleicht hilft es ja der einen oder anderen Person, die sich ähnlich fühlt.
Eigentlich war der Plan für diesen Text ganz anders. Ich wollte unter anderem über KI schreiben. Darüber, inwiefern Content noch sinnvoll ist, wenn wir alles nachlesen können und die Antworten in Sekunden haben. Und über Gesellschaftskritik, weil ich mich gerade viel mit Philosophie beschäftige. Aber während ich hier schreibe, ist mein Gehirn abgedriftet. Und genau das ist ein Thema, das vielleicht viel wichtiger ist.
Während ich hier am Esstisch sitze, hocken meine beiden Kater vor dem Terrassenfenster und schnattern sich einen ab. Draußen zwitschern die Butschis, die sich sicher über die Plusgrade nach all dem Schnee freuen. Ich schlürfe meinen Cappuccino nachdenklich aus einem schweren Becher. In gemütlicher Kleidung, nicht ganz motiviert, aber ohne Druck. Links von mir liegen bunte Karteikärtchen, die ich seit einigen Wochen nutze, um meine Arbeitsaufgaben zu überblicken. Rechts von mir liegt das Buch „Haben oder Sein“ von Erich Fromm, das ich aktuell lese.
Und da sind wir auch schon beim ersten Dilemma: Arbeit oder Freizeit?
In den letzten Wochen, also nach dem Weihnachtsurlaub, habe ich mir vorgenommen, mehr im Hier und Jetzt zu leben. Meiner Arbeit nicht mehr 100 % an Wichtigkeit zu geben. Nicht, weil ich sie nicht mag, sondern weil es die letzten Jahre manchmal zu viel war. Ich kenne nur zwei Modi: Entweder wochenlang Gas geben ohne Ende, bis ich ausgelaugt bin. Oder 100 % cozy im Freizeit-Modus versinken und dabei die Arbeit komplett verdrängen. Ein Mittelmaß? Fehlanzeige.
Die falsche Angststörung
Hinzu kamen viele Ängste. Sorgen um die Zukunft, Unbehagen in sozialen Situationen und generell viel Grübeln über belanglose Dinge. Ich hätte schwören können, dass ich eine generalisierte Angststörung habe. Da ich aber trotzdem „funktioniert“ habe, mutig war und meinen Alltag gemeistert habe, schob ich das Thema beiseite. Bis ich realisiert habe, wie viel Energie mich dieses ständige „Zusammenreißen“ kostet.
Dann spülte mir der Algorithmus ein YouTube-Video in die Timeline. Eine Frau erzählte von ihrer ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter. Es war nicht das erste Video dieser Art, aber es war das erste, bei dem ich dachte: Moment mal. Das bin ja ich.
Ich erkannte mich zu 90 % wieder, aber nicht in den Klischees („Zappelphilipp“), sondern in den subtilen Dingen:
Der Wartemodus: Wenn ich um 14 Uhr einen Termin habe, kann ich die Stunden davor nichts anderes machen. Mein Hirn ist wie blockiert, ich warte nur.
Nervöse Gewohnheiten: Fingernägel kauen, Skin Picking, ständig an den Haaren spielen.
Das Energie-Level: Entweder 1000 % oder gar nichts.
Aber die offensichtlichen Symptome wie „verlegt ständig ihren Schlüssel“ oder „kommt immer zu spät“? Damit konnte ich mich null identifizieren. Also recherchierte ich weiter und fand eine spezialisierte Psychologin für eine Diagnostik.
Die Diagnose: Ein anderes Betriebssystem
Vor ein paar Wochen hielt ich das Ergebnis in den Händen: ADHS (kombinierter Typ).
Das bedeutet, ich habe beides: Die innere Unruhe (Hyperaktivität, aber eben nicht so sehr nach außen sichtbar) und Impulsivität, aber auch das Unaufmerksame. Viele Mädchen werden nie diagnostiziert, weil sie „nur“ der unaufmerksame Typ sind, das stille Träumerchen, das niemanden stört, aber gedanklich ganz woanders ist. Bei mir war es eine Mischung. Und warum ist das nie aufgefallen? Weil ich mir über die Jahre unbewusst Strategien aufgebaut habe, um klarzukommen. Man nennt das „Masking“.
Ich stelle mir Wecker, um nicht zu spät zu kommen. Ich plane exzessiv, um alles gebacken zu bekommen. Wenn Besuch kommt, ist es aufgeräumt, weil der Druck da war. Nach außen wirkt das wie „super organisiert“. Nach innen ist es unfassbar anstrengend.
Masking frisst Energie. Ich merke das besonders, wenn ich unter vielen Menschen bin (z. B. an Weihnachten). Ich setze unbewusst eine Maske auf, performe sozial und unterdrücke impulsives Verhalten. Am nächsten Tag fühle ich mich wie überrollt, fast körperlich krank. Ich brauche dann einen Tag komplette Isolation, um den Akku wieder aufzuladen.
Meine Psychologin erklärte mir auch noch etwas Spannendes zu den Ängsten: Ich habe keine Angststörung. Ich habe ein Gehirn, das anders filtert. Das ausgeprägte Schwarz-Weiß-Denken, die Impulsivität, die emotionale Übererregbarkeit – all das sorgt dafür, dass mein Gehirn zu jedem Gedanken sofort super viele (negative) Assoziationen spinnt. Und wenn ich die negativen Infos ernst nehme, dann gehts erst richtig ab. Es sind also eher viele blitzschnelle Gedanken, die ich zu ernst nehme.
Warum es keiner gemerkt hat
Dass ich trotzdem so „gut“ durch Schule, Studium und Business gekommen bin, liegt laut ihr an einer hohen kognitiven Kompensationsfähigkeit. Das klingt erst mal nett, ist aber eigentlich tragisch. Ich war schlau genug, meine Defizite zu verstecken.
Das ist kein Talent, sondern ein reiner Überlebensmechanismus. Ohne diese Strategien wäre ich wahrscheinlich durch jedes Raster gefallen – so wie viele andere Betroffene, die in unserem System leider oft als „faul“ oder „schwierig“ abgestempelt werden, nur weil sie das Masking nicht so perfekt beherrschen.
Wenn ich auf die Grundschulzeit zurückblicke, sieht man genau, wo das Masking angefangen hat: Mein unendlicher Rededrang in der ersten und zweiten Klasse, mein Reinrufen und unkonzentriertes Verhalten ließen ab der dritten Klasse nach. Ab da war ich brav, stumm und angepasst, aber wahrscheinlich auch nicht mehr ganz ich selbst. Mein exzessives Schwänzen in der Oberstufe und die Rebellion ergeben daher aus heutiger Sicht sehr viel Sinn.
Warum so viele Selbstständige betroffen sind
Es ist kein Zufall, dass ich Unternehmerin bin. ADHS-Menschen finden sich oft in kreativen Berufen oder der Selbstständigkeit. Warum? Weil wir Druck von oben und starre Regeln hassen. Alles, was mich einengt, erzeugt Druck. Und bei Druck macht mein „Hirnchen“ dicht. Ich habe mir mein Leben intuitiv so gebaut, wie ich es brauche: Passive Einnahmen, Freiheit, kein Chef, der mir über die Schulter schaut.
Der Mythos von der „Superpower“
Man liest oft, ADHS sei eine „Superpower“. Ganz ehrlich? Das sehe ich kritisch. Natürlich gibt es den Hyperfokus. Das ist der Zustand, in dem ich wochenlang für ein Projekt brennen und Berge versetzen kann, während andere noch den Plan schreiben.
Aber das ist keine Magie, sondern eher ein Kredit, den ich auf meine Energie aufnehme. Der Preis dafür ist oft hoch. Ich vergesse Pausen, vernachlässige mein Privatleben und bin danach oft tagelang oder gar wochenlang platt. Es ist ein extrem leistungsfähiger Motor, der aber leider keinen „Aus“-Knopf hat und schnell überhitzt. Ich lerne gerade erst, diesen Motor so zu bedienen, dass er mir nutzt, statt mich auszubrennen.
Der Hyperfokus kommt sowieso nur, wenn mich etwas wirklich interessiert.
Langweilige Aufgabe? Mein Gehirn sagt: „Nö, mach ich nicht.“
Spannendes Thema? Holla die Waldfee! Ich sauge alles auf, kaufe jedes Buch dazu und rede stundenlang darüber.
Früher habe ich dann auch impulsiv alles Zubehör für das neue Hobby gekauft. Heute weiß ich: Einen Tag warten. Wenn das Dopamin absinkt, ist der Kaufwunsch meist weg.
Fazit: Bin ich jetzt ein anderer Mensch?
Nein. Aber ich verstehe mich endlich. Ich nehme übrigens keine Medikamente, da ich mit einem Coaching bei der Psychologin und meinen Strategien aktuell sehr gut klarkomme. Ich habe gelernt, meine Schmerzpunkte anders zu bewerten und gnädiger mit mir zu sein. Aber sag niemals nie. Denn Stress und neue Lebensphasen können die Symptome stark beeinflussen.
Ich versuche jetzt, intuitiv weiterzumachen: Den Druck rauszunehmen, Dinge spielerisch zu sehen (z. B. mit einem 10-Minuten-Timer die Küche aufräumen) und meine Grenzen zu wahren. Gedanken zu hinterfragen und zu prüfen, ob sie real sind oder auch ganz anders sein könnten. Die Ängste sind übrigens bereits nach wenigen Wochen besser geworden.
Und mein „Arbeit vs. Freizeit“-Thema vom Anfang? Das habe ich inzwischen auch etwas besser im Griff. Ich glaube, es fühlt sich einfach noch ungewohnt an, eine Balance zu haben. Aber ich lerne.
Ein kleiner Reminder zum Schluss
Egal, ob mit Diagnose oder ohne: Bitte fühlt euch nicht schlecht, wenn ihr mal „faul“ seid oder nichts geht. Bei ADHS ist es oft eine echte, physiologische Blockade im Gehirn – man will, aber man kann einfach nicht. Das ist fies, weil man sich dadurch oft noch mehr selbst verurteilt und abwertet. Aber es gibt tausend andere Gründe, warum unser Körper manchmal schreit, dass er nicht mehr kann. Stress, Zyklus, Wetter, das Weltgeschehen oder einfach das Leben. Wir sind keine Maschinen. Und Pausen sind keine Zeitverschwendung, sondern notwendig. Seid gnädig mit euch. 🧡
Ein kleines Problem bleibt aber noch … Ich brauche immer noch Strategien für wirklich langweilige Aufgaben. Zum Beispiel alte Blogbeiträge überarbeiten. Damit eiere ich seit Jahren herum. Es ist zu langweilig, in meinen Augen sinnlos, und deshalb: Blockade.
Falls also jemand von euch einen Tipp hat, wie man das „langweilige Zeug“ erledigt bekommt, schreibt es mir gerne in die Kommentare! 😉
Stay cozy ✨
Sina
P.S.: Dieser Text ist übrigens der beste Beweis für alles oben Geschriebene. Eigentlich wollte ich über KI schreiben. Aber mein Hyperfokus wollte über ADHS schreiben. Und heute habe ich beschlossen: Das ist okay so.






Ui! Ich lese deinen Text und erkenne mich wieder. Krass! Vielleicht sollte ich mich auch testen lassen.
spannender text! finde es auch richtig hübsch, dass du eigene trennlinien eingefügt hast und nicht die standard divider von substack verwendest 😅 ist visuell gleich vieel ansprechender, muss ich auch mal ausprobieren 😍